22.02.2019, 17:56

Wir freuen uns über die Debatte, die das Buch von Verena Brunschweiger „Kinderfrei statt kinderlos“ entfesselt hat und fühlen uns inspiriert von unserer Autorin, die sich unerschrocken der Auseinandersetzung stellt. Da die Inhalte der Streitschrift in der Öffentlichkeit zumeist verkürzt wahrgenommen werden, hier ein paar Worte dazu, warum wir diesen Titel ins Wettrennen um die Aufmerksamkeit der Leserschaft geschickt haben:

Es stimmt nicht, dass alle in unserer Gesellschaft ausgehend von gleichberechtigten Positionen miteinander sprechen – wenn sie denn überhaupt sprechen. Das gilt nicht für Menschen mit schlechteren ökonomischen Voraussetzungen und Bildungschancen; auch nicht für Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – als „Andere“ identifiziert werden; und das gilt bislang auch nicht für Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – kinderlos bleiben. Dafür sind nicht zuletzt die Aggressionen und Fantasien, die Verena Brunschweiger entgegenschlagen, ein lebendiges Beispiel. Es mag sein, dass wir mit einer Pluralität von Lebensentwürfen leben, aber es ist naiv zu glauben, dass diese nicht geprägt seien von dem, was wir als Kinder selbst erlebt haben, was uns vorgelebt und erzählt wurde in Büchern, Filmen, Politik und Wirtschaft. Von diesen Erzählungen abzuweichen, bedeutet eine Anstrengung.

Verena Brunschweiger schildert streitlustig und eloquent, warum es das allerdings nicht sein sollte, und besetzt dabei einen Standpunkt, der als „radikal“ empfunden wird. Als radikal wird ihre Auffassung angesehen, dass die westliche Welt massiv über die Verhältnisse des Planeten lebt, auf Kosten der Umwelt sowie der Bevölkerung und ihrer Kinder andernorts. Sie merkt an, dass in unserer Gesellschaft meist dann über den Bedarf nach mehr Kindern gesprochen wird, wenn es um mehr Einzahler in die Sozialversicherungssysteme, neue Konsumenten oder die rassistische Angst vor „Überfremdung“ geht. Brunschweiger fordert Frauen auf, ihre eigenen Lebensentwürfe zu hinterfragen und den Blick mutig auf die Bereiche zu richten, in denen ihr Handeln dringend benötigt wird. Ihr Aufruf: Lasst euch nicht auf die Mutterrolle reduzieren, nutzt eure Möglichkeiten, tut etwas Gutes für die Welt – die Umwelt und die Menschen, die bereits in ihr leben – und macht den Männern endlich ernsthaft Konkurrenz.

Ihr Buch ist ganz wesentlich auch eine Kritik der Wachstumsgesellschaft und deshalb nicht nur eine feministische Streitschrift, sondern auch ein Stück herausfordernde Gesellschaftskritik. Wir würden uns wünschen, dass mehr Buchhändler sich dieser Kritik öffnen und den Titel auch in die Auslage packen. Denn letztlich sind sie – ebenso wie die Verlage – Teil einer Branche, die sich wirtschaftlich auf dem Rückzug befindet. Was bedeutet das für den Buchmarkt? Was werden Buchhandlungen, was werden Verlage, was werden Bücher in Zukunft sein?

Als wir den genossenschaftlich geführten Büchner-Verlag im Herbst 2017 zu viert übernahmen, haben wir uns gewünscht, wichtige Themen in den öffentlichen Diskurs mit hineinzuholen – ohne Angst vor erregten Ausschlägen des Systems, Vorverurteilungen und die oftmals daraus resultierende Selbstzensur. Wir haben aktuell täglich die Gelegenheit, diese Anforderungen an uns selbst zu überprüfen und zu realisieren, was das bedeutet. Dass wir das so erleben dürfen, empfinden wir als Privileg! Danke, Verena Brunschweiger.